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Bauchgefühl: Der Intuition vertrauen?

Intuition ist mehr als spontane Eingebung. Was sie sagt, kann bei Entscheidungen helfen und beeinflusst unser ganzes Leben – oft positiv
von Lisa Meyer, 14.07.2017

Zuweilen eine schwierige Frage: Wann auf den Bauch hören, wann auf den Kopf?

istock/Khomich

Das letzte Wort hat das Gefühl. Wenn Ragna Krückels an einem Hang steht, Tourenski an den Füßen, Schaufel und Sonde im Rucksack, Verschüttetensuchgerät unter der Jacke, und überlegt, ob die Schneedecke ins Rutschen kommen könnte. Ob sich eine Lawine lösen wird, ob sie sich und ihre Kunden in Lebensgefahr bringen könnte. In solchen Momenten macht sich die Bergführerin Gedanken über Hangneigung, Schneedeckenaufbau, Wetter – und sie vertraut ihrem Bauchgefühl.

Bergsteiger hören oft auf die innere Stimme

"Intuition ist wichtig, wenn man im Bergsport alt werden will", sagt die 47- Jährige. Situationen, die für den einen Bergsteiger höchst gefährlich sind, werden von einem anderen locker gemeistert. Wo es also keine allgemeingültigen Maßstäbe gebe, müsse jeder seiner ei­genen Einschätzung folgen, so Krückels. "Deshalb ist es für mich überhaupt nicht möglich, gegen ein gutes oder schlechtes Bauchgefühl zu entscheiden."

Beim Risikomanagement im Bergsport hat die Intuition ihren festen Platz. Was sagt mir mein Gefühl? Grummelt es im Bauch? Oder verspüre ich überbordende Euphorie? Bergsteiger und Tourengeher werden angehalten, sich diese Fragen zu stellen und die Antworten ernst zu nehmen. Einen so guten Ruf genießt unser Bauchgefühl aber nicht überall.

Mit Mystik hat das nichts zu tun

"In weiten Bereichen unserer Gesellschaft gilt Intuition als verdächtig", sagt der ­Psychologe Professor Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Sie wird missverstanden als göttliche Eingebung, als mystischer sechster Sinn – verstößt sie doch vermeintlich gegen die Gesetze der Logik. Dabei hat die Wissenschaft laut Gigerenzer längst gezeigt, dass Intuition nicht nur ein Impuls ist oder eine Laune, sondern einer eigenen Gesetzmäßigkeit folgt.

Habe ich dieses Gesicht nicht schon einmal gesehen? Kann ich noch schnell bei Rot über die Ampel huschen? Mag ich heute lieber Marmelade- oder Käsebrot zum Frühstück? Tausende kleine und große Entscheidungen wollen jeden Tag getroffen werden. Laut dem Kognitionspsychologen Professor Daniel Kahneman benutzt der Mensch dafür zwei Arten des Denkens: Die eine Form arbeitet automatisch, mühelos, schnell – und intuitiv. Die andere ist zeitaufwendiger, langsamer, zuständig für das Logisch-Rationale. Je nachdem, welches System wir anwenden, kommen verschiedene Nervennetzwerke zum Einsatz.

Miteinander braucht Intuition

Die Vorteile intuitiver Entschlüsse: Sie sind effizient, schnell getroffen, sparen Energie. In manchen Situationen kann das überlebenswichtig sein. Laufe ich vor dem Bären davon, oder bleibe ich lieber ruhig stehen? Greife ich selbst in die Schlägerei ein, oder informiere ich die Polizei? Schaffe ich es, vom Boot zur Insel zu schwimmen, oder wird mir die Kraft ausgehen?

Doch auch in ganz alltäglichen Situationen sind wir auf unser Bauchgefühl angewiesen. Zum Beispiel in der zwischenmenschlichen Kommunikation. "Ohne intuitive Gewissheit, was eine gegebene Situation unmittelbar nach sich ziehen wird, wäre das Zusammenleben von Menschen kaum denkbar", sagt der Neurobiologe und Psychotherapeut Professor Joachim Bauer vom Uniklinikum Freiburg. Mimik, Gestik, Blick, Haltung des Gegenübers – all das analysiert unser Gehirn, ohne dass wir etwas davon mitbekommen.

Zum Glück. Denn mit den unzähligen Sinneswahrnehmungen, die in jeder Sekunde auf uns einprasseln, wäre das Bewusstsein heillos überfordert. Zwar läuft die systematische, bewusste Verarbeitung von Informationen sehr präzise ab, doch stößt das sogenannte Arbeitsgedächtnis schnell an seine Grenzen. Nicht so das Unterbewusstsein. Es ist in der Lage, weitaus mehr Eindrücke zu berücksichtigen.

Unterbewusster Wissensschatz

Diese Fähigkeit ermöglicht es uns, ständig unterschwellig und beiläufig zu lernen – einen großen Wissensschatz anzuhäufen, aus dem wir immer wieder aufs Neue schöpfen. Unser Bauch­gefühl ist deshalb eigentlich ein Kopfgefühl. Es speist sich aus dem Langzeitgedächtnis und bedient sich der Summe unserer Erfahrungen.

Auf Basis des Gelernten bildet unser Gehirn Faustregeln, sogenannte Heuristiken, die es dann auf neue Situationen anwendet. Experte Gigerenzer: "Die Intelligenz des Unbewussten liegt darin, dass es, ohne zu denken, weiß, welche Regel in welcher Situation vermutlich funktioniert."

Blitzschnelle Urteile – aber manchmal falsch

Der Wissenschaftler ist immer wieder erstaunt, wie gut dieses Prinzip funktioniert. Schneller als ein Wimpernschlag können Versuchspersonen Objekte in gut und schlecht einteilen. Innerhalb von Sekunden schätzen sie die Qualität einer Unterrichtsstunde richtig ein. Zudem zeigen Studien, dass das Bauch­gefühl anscheinend als eine Art mora­lische Instanz dient. Wer oft intuitiv handelt, schummelt seltener bei Tests und fühlt sich nach unmoralischem Verhalten eher schuldig, fanden US- amerikanische Psychologen heraus.
Der große Nachteil: Unser Bauch­gefühl verleitet uns manchmal zu vorschnellen, eventuell nicht gerechtfertigten Urteilen. Zahlreiche Experimente zeigen etwa, dass Menschen bei neuen Bekanntschaften aus minimalen Hinweisen ein komplettes Charakterporträt basteln. Die Faustregeln, die das Gehirn abgespeichert hat, werden dann zu Vorurteilen à la "Alle Männer mit Vollbart vertreten fanatische religiöse Ansichten", oder "Jede Frau mit hochhackigen Schuhen sucht sexuelle Abenteuer".

Aus wenigen wackligen Anhaltspunkten ein Gesamtbild fertigen – das ist die größte Schwäche der Intuition. Und sie zeigt, dass unser "Kopfgefühl" keineswegs unfehlbar ist.

Nicht alle folgen blind ihrer Intuition

Einer, der das sehr genau weiß, ist Winfried Rohrbach. Als Brandinspektor und Rettungsassistent bei der Berufsfeuerwehr München hat er in 14 Dienstjahren zahlreiche Einsätze erlebt. Seine Intuition hilft ihm, Menschen einzuschätzen, Gefahrensituationen zu erkennen, unter Zeitdruck wichtige Informationen von unwichtigen zu trennen.

Trotzdem hat Rohrbach gelernt, der ersten Eingebung nicht blind zu folgen: "Man darf sich trotz aller Routine nicht einfach von seinem Bauchgefühl leiten lassen – sonst kann man sich schnell verrennen, und dann wird es gefährlich." In seinem Beruf kann es Leben kosten, den Ausnahmefall zu übersehen, die Besonderheit nicht zu erkennen, das eigene Urteil nicht zu überprüfen. Der Intuition zu vertrauen.

"Es ist richtig, dass Intuition uns in die Irre führen kann", bestätigt Gigerenzer. "Doch ebenso ist es ein großer Fehler anzunehmen, alle Probleme ließen sich durch Berechnung besser lösen." Auch wenn wir rational an Dinge heran­gehen, unterlaufen uns ständig Denkfehler, wie die Kognitions- und Entscheidungsforschung belegt.

Bauchgefühl mit Logik prüfen

Wann also vertraut man besser der Vernunft und wann eher der Intuition? Forscher wie Kahneman und Gigerenzer geben da eine klare Empfehlung: Haben wir vergleichbare Entscheidungen noch nie getroffen oder bewegen wir uns in einer Umgebung, die nicht vorhersagbar ist, befragen wir lieber den Verstand. Gezieltes Nachdenken ist außerdem von Vorteil, wenn wir unbewussten Vorlieben widerstehen oder – wie Feuerwehrmann Rohrbach – Abweichungen im vermeintlich Bekannten erkennen müssen.

Unterliegt die Entscheidung dagegen wiederholbaren Bedingungen, konnten wir auf dem Gebiet bereits Erfahrung sammeln und hatten wir die Gelegenheit, aus unseren Fehlern zu lernen, dürfen wir ruhig unserer Intuition vertrauen. So wie Ragna Krückels, Bergführerin seit 15 Jahren.

Am besten jedoch gehen Verstand und Intuition Hand in Hand – indem man das Bauchgefühl mit Logik überprüft. Oder nach dem ersten nüchternen ­­Abwägen das Gefühl befragt. "Ganz oft ist die Intuition an Fakten gekoppelt", erklärt Ragna Krückels. An die Hang­neigung zum Beispiel, den Aufbau der Schneedecke oder das Wetter.



Bildnachweis: istock/Khomich

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